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Alkamar, the village in the moonlight
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Banners of Kraken, the World Emperor

Die, die meinten, sie wissen Bescheid, sagten, dass die Eichenwälder in Rotharin seit der Entstehung der Welt gestanden haben. Hohe, knorrige Bäume erhoben sich über kräftigem Gras und verfaultem Laub. Die Luft hing still und schwer von Nässe. Niemals kräuselte der Wind die Oberfläche der kleinen Waldseen, niemals führte der Wind den Atem der offenen Ebenen und trockenen Steppen mit sich.

Die, die meinten, sie wissen Bescheid, sagten auch, dass sich böse Gespenster und unterirdische Wesen in Rotharin aufhalten. Die Bosheit gab es in Rotharin, aber die Bosheit war ansässig in Körpern aus Knochen, Blut und Fleisch. Der Mann lief gleichmässig und ruhig. Er war tagelang gelaufen, ohne Schlaf und Nahrung. Die mageren Muskeln schrien nach Rast, aber er zwang sich weiter. Die Augen, einstmals blau wie der Himmel,leuchteten rot von geplatzten Äderchen. Sie starrten, aufgerissen und leer, aus den Höhlen des Schädels fünf Schritte von der Stelle entfernt zu Boden, wo die Füsse blutige Spuren hinterliessen. Ohne zu stolpern oder den Rhythmus der Schritte zu ändern, webte er ein endloses Band zwischen den Bäumen.

Ein Gurt hielt den dreckigen, zerlumpten Lendenlappen fest. Um den Hals hing eine Silberkette mit einem schwarzen Diamanten in der Vertiefung des Schlüsselbeines. Steine hatten die Fussohlen zerschnitten und Zweige den Oberkörper zerkratzt. Kurze Haarsträhnen waren wie an den Schädel geklebt. Lange Narben bedeckten den Rücken. Einer, der sein Handwerk verstand, hatte ihn lange und hart gepeitscht, und die Vernarbungen lagen wie rote Taustumpfe auf der Haut.

Kurz nach Einbruch der Nacht kam der Mann an einen Bach. Durch das Dunkel konnte er das Wasser nicht sehen, aber er hörte das nasse Sickern des Waldbodens. Er verlangsamte den Takt und stand schliesslich still, dabei schnappte er nach Luft. Dann hockte er sich.

Jede einzige Faser des Körpers sehnte sich nach Wasser. Trotzdem sass er unbeweglich und lauschte. Von den Verfolgern hatte er eine ganze Weile nichts gehört. Nach einer kurzen Pause trank er reichlich. Mit einer Schweissschicht und geronnenem Blut zum Aufwärmen rollte er sich in einem Gebüsch zusammen. Es war drei Tage und drei Nächte her, dass er geschlafen hatte. Der Schlaf überkam ihn beim Schliessen der Augen.

Während der Körper in barmherziges Dunkel eingehüllt ruhte, verliessen Träume den ermüdeten Schädel. Die Träume stiegen auf und flogen gleich einem weissen Adler gen Nachthimmel, hinauf und hinaus aus den dunklen Eichenwäldern hin zu den Sternen. Der weisse Adler flog nach Norden über Rotharin, wo ein blutiger Körper im Schlaf bebte, über die Bärenwälder, wo sich Bären und Waldarbeiter aufhielten, über die staubigen Ebenen bei Tawani, wo alljährlich hoffnungsvolle Teilnehmer an den grossen Turnieren den Sand mit ihrem Blut rot färbten, über das Moorland, wo unglückliche Männer danebentraten und niemals wieder gesehen wurden. Nördlich vom Moorland ragten nebelgekrönte Berggipfel über das Gelände. Weiter nach Norden bedeckte Schnee und Eis die Länder, und nur wenige Menschen konnten dort leben. Aber in den Bergen beim Moorland gab es Dörfer, in denen die Leute versuchten, von dem zu leben, was eine harte Natur ihnen zu geben für gut befand. Hier kreiste der Adler betrübt auf seinen breiten Flügeln. Hier gab es nichts mehr, hier lagen alle Träume tot.


Khen Darian kam in Maedal auf die Welt, einem kleinen Dorf in einer grünen Gebirgszunge nördlich vom Moorland. Die Eltern ängstigten sich um den Jungen. Als Säugling lag er ganz still, ohne zu weinen und zu schreien, in seiner Krippe. Er lernte spät sprechen, und er sagte selten etwas. Wenn die anderen Jungen im Bergdörfchen spielten, hielt er sich immer abseits. Er weinte nicht, wenn er sich verletzte, und er klagte nie über eine missglückte Ernte und einen vor Hunger knurrenden Magen.

Die Besorgnis erwies sich als grundlos. Khen Darian wuchs zu einem gesunden und kräftigen Jungen heran, und er lebte wie der Rest der Bergdörfler. Er jagte Kleinwild und half mit auf dem kärglichen Waldboden. Er sammelte Beeren und Wurzeln und schnitt Torf, um die Hütte in langen Wintern zu wärmen. Schon frühzeitig vollbrachte er das Tagwerk eines erwachsenen Mannes, aber er sprach nie darüber.

In dem Jahr, als Khen Darian sechszehn Jahre alt wurde, war Bluthusten in vielen der Hütten des Bergdorfes zu Gast. Der Vater verfiel auch einmal im Laufe des Herbstes. Das Gesicht verblich, und die Kraft der Muskeln verschwand. Er sprach wenig, aber Khen Darian sah in den gebrochenen Augen etwas, was der Vater nicht in Worte fassen konnte.

"Khen Darian," sagte der Vater eines Winterabends, "wir haben dir nicht viel gegeben. Du bist unser einziges Kind, und wir haben uns gewünscht, dass es dir einmal besser gehen sollte als uns. Leider wirst du das gleiche wie wir erleben. Das Leben im Gebirge ist, wie auch im Rest der Welt, hart. Doch ich will dir gerne einige Ratschläge mitgeben."

Khen Darian schaute befremdet vom offenen Herd auf. Der Vater hatte niemals über die Mühen des Gebirgslebens gesprochen. Hingegen hatte Khen Darian seinen Vater nie so gesehen wie jetzt. Die Gesichtshaut spannte sich über aufgeschürfte Knochen, und die Augen lagen tief hinter dunklen Augenringen.

"Ich finde, wir haben es gut," antwortete Khen Darian. "Wir wohnen besser als viele andere hier in Maedal, und wir haben fast immer etwas zu Essen auf dem Tisch." Der Vater schwieg eine Weile. Er sammelte seine Gedanken und grübelte, wie er sich ausdrücken sollte.

"Vieles auf dieser Welt ist verkehrt, aber es lässt sich nicht verändern. Ein grosses Unglück verfolgt denjenigen, der nicht so lebt, wie es bestimmt ist. Denke daran, Sohn, an dem Tag, wo du alle Freude verlierst. Es ist unmöglich, die Welt zu verändern. Versucht sich einer daran, wird er in einem grossen Unglück enden.

Einmal wirst du meinen, alles gegeben zu haben, und das Leben wird dir nicht länger lebenswert erscheinen. Dann denke an die, die nach dir kommen. Seine Kinder aufwachsen sehen, macht das Leben lebenswert. Du bist ein guter Sohn, Khen Darian. Dich aufwachsen zu sehen, war immer mein Trost. Du hast der Plagerei einen Sinn gegeben."

Mehr sagte er nicht. Am nächsten Morgen erwachte der Vater nicht wieder. Die Mutter hatte die ganze Zeit leise summend am Bette des Mannes gesessen und versucht, ihm warme Mehlsuppe zu füttern. Jetzt sass sie selbst ganz still, während Khen Darian die Hausarbeit verrichtete. Er kochte für sie, aber sie ass nicht von der Suppe und dem Brot, dass er ihr anbot. Die Mutter lächelte betrübt und wehrte das Essen ab. Der Junge konnte nichts anderes tun, als mitanzusehen, wie sie vor seinen Augen verkümmerte.

Die Hände im Schoss gefaltet sah sie durch die Gucklöcher der Hütte hinaus, hoch zum schneebedeckten Gebirge in der Ferne. Aber ihre Augen sahen keine Berge. Sie sah einen jungen Mann mit lächelnden Augen. Gross und stark war er und hübsch wie ein warmer Sommerabend. Ich werde dir die Welt zu Füssen legen, hatte er versprochen. Und er hatte ihr die ganze Welt gegeben. Doch jetzt lächelten die Augen nicht länger, der Winter hatte ihn geholt. "KhenDarian, jetzt gehört alles dir," sprach die Mutter einige Tage später. So hustete sie etwas Blut und starb.

Der Frost hatte die Erde in Maedal in Stein verwandelt. Es war unmöglich, den Frostboden zu schmelzen. Im Gebirge gab es wenig Nutzholz und der getrocknete Torf wurde zum Aufwärmen der Hütten benötigt. Im Winter wurden die Toten in einen besonderen Verschlag gelegt. Die meisten Bergdörfler begruben ihre toten Angehörigen nicht vor dem Einzug des Frühjahrs.

Zehn Tage brauchte Khen Darian, um sich durch den Frostboden zum Felsgestein durchzuhacken. Er hüllte die Mutter und den Vater in warme Teppiche ein und legte sie nebeneinander auf ein Bett aus getrocknetem Gebirgsgras. Trockene Augen nahmen Abschied von den Eltern, als er das Grab wieder zuschüttete.

Khen Darian wusste, dass nur wenige von denen, die in Maedal lebten, so alt wurden, dass sie die Geburt der Kinder ihrer Kinder erleben konnten. Der Hungerstod holte die Alten und Schwachen jeden Winter. Gleichwohl wuchs eine Leere in ihm, eine Leere, die er nicht mit Arbeit oder dem Beisammensein mit anderen Bergdörflern ausfüllen konnte.

Khen Darian wurde mit dem hellen Haar und den feingeschnittenen Gesichtszügen des Gebirgsvolkes geboren. Neunzehn Sommer alt, war er einen Kopf grösser gewachsen, und die klaren, blauen Augen wichen niemals aus, wenn ihn jemand ansprach. Beim Jagen wanderte Khen Darian weiter als die anderen. Er war mager, aber die Muskeln umgaben das Skelett wie ein eisernes Band, und sie vermochten den grossen Mann tagelang zu tragen, ohne auch nur zu ruhen.

Es ging auf den Mittsommer zu und die Maedaler richteten zum Fest. Während einiger Tage sollten sie die Schufterei, die Steuereintreiber und die langen Winter vergessen. Nach altem Brauch fanden die heiratsfähigen Mädchen ihre zukünftigen Männer vor der Mittsommernacht. Die Jugend lachte und scherzte miteinander, während die Dorfältesten nachsichtig lächelten.

Lune hiess diejenige, der die grösste Aufmerksamkeit zuteil wurde. Viele der Tagträume in Maedal handelten von einem Paar grosser, grüner Augen und einer mit lustigen Sommersprossen bedeckten Nase. Das kupferfarbene Haar hing zu einem dicken Zopf geflochten auf dem Rücken und wurde mehrmals am Tag von den jungen lachenden Männern gezupft. Ob Lune Holz sammelte oder Wasser holte, sie fand sich immer von hilfreichen Freiern umringt. Sie stritten sich, wen sie wohl am liebsten mochte, aber Lune lächelte bloss, wenn sie jemand fragte.

Am Abend vorm Mittsommer hörte sie jemanden an die Tür der elterlichen Hütte pochen. Davor stand ein grossgewachsener, magerer Mann mit einem Wiesenblumenstrauss in den Händen. Er hustete und räusperte sich und betrachtete seine Füsse, bevor er endlich die blauen Augen vom Boden hob.

"Willst du mich haben?" fragte Khen Darian.

Er schaffte es kaum, die Worte herauszubringen. Der Hals war wie zugeschnürt und das Gesicht brannte. Er sah nichts anderes als eine Reihe strahlend weisser Zähne, ein Paar grosse, grüne Augen und Sommersprossen, die auf der spitzen Nase tanzten. Sie gab ihm einen Kuss als Antwort, salzig, feucht und lebhaft.

"Ja," lachte Lune.

Khen Darian fühlte sich zu allem imstande. Das Blut brauste in den Adern und der Körper war voll von Lebenskraft. Falls sie ihn darum bäte, die Welt zu zerstören, würde er die Arme ausstrecken und die Sonne für sie auslöschen.

Seit Menschengedenken hatten sich eine lange Reihe von Kaisern beim Beherrschen der Welt und alles Lebenden einander abgelöst. Jeder Kaiser nannte sich selbst Krake, und wenn die Krake starb, erbte der Nachfolger den Namen. Von seinem Palast in Alania aus hatte die Krake sicheren Zugriff auf die Länder der Mitte. Mit Hilfe desYeganheeres sorgte die Krake dafür, dass aller Reichtum aus den Ländern der Mitte in seinen Schatzkisten landeten. Zusätzlich belegte der Herrscher jährlich die Randgebiete mit einer Brandsteuer.

So wie der Acker den Schatten des Adlers sein eigen nennt, genauso war die Krake der Eigentümer über alle Menschen. In Gedanken konnten die Menschen auf breiten Flügeln über die Länder der Mitte gleiten, aber sie würden unter sich nichts anderes sehen als krummgebückte Knechte und bewaffnete Männer. In Gedanken konnten sie in der Zeitrechnung zurückfliegen, wobei Gebäude verschwanden, Wege zu Wald wurden, Tote vom Boden auferstanden, aber sie würden immer über nichts anderes fliegen als über das Land der Krake, die Sklaven der Krake und die Krieger der Krake.

Hier und da gab es freie Stämme. Sie lebten in den kargen Gegenden, die niemand haben wollte; in trockenen Wüsten, hochoben im windigen Gebirge, in der Eisöde des Nordens oder auf Inseln draussen im Meer. Die Yeganer waren zahlreich und gut gerüstet zum Gefecht, dennoch gelang es nicht einmal den vielen Kriegern des Herrschers, die freien Stämme auszurotten. Es gab nicht mehr als eine Handvoll freie Stämme, und die Leute aus Maedal gehörten nicht dazu.

Die Maedalleute bewaffneten sich niemals gegenüber anderen Menschen. Die, die im Gebirge südlich des Schneelandes wohnten, waren Jäger und Bauern.

Der Boden in der Nähe der Dörfer bot schmale Ernten, und in den Bergen gab es wenig Wild. Von den während des Sommers gesammelten Vorräten blieb für die Leute wenig übrig, weil der Weltenherrscher ihnen jährlich erdrückende Steuern auferlegte.

Den warmen und guten Mittsommertagen in Maedal folgte ein sengender Herbst. Es fiel kein Regen, und der Boden um das Dorf herum lag braun und leblos. Khen Darian freute sich über jeden gemeinsamen Augenblick mit Lune, betrachtete jedoch das eigene, verbrannte Feldstück mit Besorgnis.

Nach dem dürren Sommer kamen die Yeganer mit leeren Kisten nach Maedal, um sie zu füllen. Doch in diesem Herbst konnten die Menschen ihre Steuern nur mit Bohnen bezahlen. Als die Soldaten des Herrschers weder Korn noch Tierhäute bekamen, nahmen sie jedes zehnte Kind als Sklave und verliessen das Dorf mit den geringen Vorräten, die die Maedalleute sich für den kommenden Sommer aufgespart hatten.

Keiner der Dorfbewohner hatte noch Kraft zum Weinen, als die Yeganer nach Süden davonritten. Mit leeren Bäuchen und grossen, leeren Augen hockten sie in den Hütten und hörten das Hufgetrappel und Kinderschreien in der Ferne verschwinden. Wenn der Winter kam, würden viele sterben.

Nachdem die Soldaten ihren kleinen Vorrat abgeholt hatten, stellte Khen Darian Fallen im Umfeld des Dorfes auf, aber noch nie hatte das Gebirge so ausgestorben gelegen wie jetzt.

Als der erste dichte Schnee über Maedal niederging, befand sich Khen Darian draussen, um nach den Fallen zu schauen. Er blickte besorgt zum Himmel. Früher hatte er sich immer auf den Schnee gefreut, aber jetzt war der Winter ein Feind. Und als er mit leeren Händen nach Hause zur Hütte kam, erwartete ihn Lune mit bleichem Gesicht.

"Beruhige dich," sagte Khen Darian, "morgen sind ganz bestimmt einige Tiere in meinen Fallen. Da werden wir ein Festmal haben."

"Das ist es nicht," sagte Lune still.

Die Tränen begannen ihr über die Wangen zu rollen. Er sah sie an, ohne etwas zu verstehen. Hin-und herwiegend nahm er sie in seine Arme.

"Ich bekomme ein Kind," flüsterte Lune in sein Ohr.

Er erschrak. Er hielt sie fest und lange an sich gedrückt, ohne ein Wort zu sagen. Jetzt musste sie für zwei essen und sie hatten nicht einmal genug für einen. Vor drei Jahren blieb ihm nichts weiter übrig, als mitanzusehen, wie seine Eltern vor seinen Augen zugrunde gingen. Jetzt überkam ihn die gleiche Hilflosigkeit. Er umarmte Lune fest an sich gepresst und flüsterte, dass alles gut gehen würde, aber sie antwortete nicht.

Täglich verliess Khen Darian die offene Feuerstelle mit einem Bogen und einem Köcher mit Pfeilen über der Schulter. Manchmal ging eine magere Feldmaus oder ein Schneehase in eine der Fallen, aber nie entdeckte er Spuren grosser Tiere. Er kaute Zweige der Bergbirke. Er grub sich durch Harsch und Schnee hindurch zu Moos und gefrorenem Gras. Er schmelzte Schnee im Mund und trank ihn. Alle in den Fallen gefangenen Tiere wurden mit nach Hause zu Lune genommen, zusammen mit einem Bündel dürrer Zweige, die er gegen Abend sammelte.

Khen Darian entfernte sich auf der Jagd nach Essbarem mehr und mehr vom Dorf. Geschichten von einem spindeldürren Gespenst, das in den nördlichen Bergen herumirrt, wurden lauter und lauter. Wenn in kalten Winternächten die Leute in ihren eigenen Häusern erfroren, sah man Khen Darian wandernd unter Sternen.

Eines Tages wendete sich das Unglück. Ein Rentier hatte sich südlich vom Schneeland verirrt und Khen Darian entdeckte die Spur des Tieres. Er folgte ihr mehrere Tage und Nächte, bis er in ein kleines Tal kam. Er kannte dieses Tal von früheren Wanderungen. Die steilen Hänge liessen sich im Winter nicht besteigen und um in das Tal hineinzukommen, musste man einen engen Pass durchqueren. Dort wartete Khen Darian.

Das Rentier witterte Gefahr, aber da es kein Fressen im Tal fand, musste es den geschützten Ort verlassen. Der Winter war ebenso unbeugsam und rauh gegen das grosse Tier, wie er es gegen Khen Darian war. Der Jäger konnte einiges von seinem Kampf auch in den grossen, braunen Rentieraugen ablesen. Khen Darian betete ein stilles Gebet um Vergebung, bevor er den Pfeil fliegen liess. Als das Rentier endlich unbeweglich auf dem roten Schnee lag, dachte er an Lune und das Kind, das bald zur Welt kommen sollte. Khen Darian durchschnitt die Halsschlagader des Tieres und stillte seinen Durst mit Blut. Dann warf er den Abgeschlachteten über die Schultern und ging südwärts.

Zwei Tage später sahen die Leute in Maedal ein blutbeflecktes Gespenst vom Gebirge herabkommen. Unter dem Blut erkannten sie das vom Frost verletzte Gesicht Khen Darians, aber er erkannte sie nicht. Die Augen starrten leer zur Hütte, wo Lune wartete. Kein Rauch entstieg dem Schornstein. Er wusste, was das bedeutete. Der Hungertod hatte Lune und das ungeborene Kind geholt.

Khen Darian verschwand in der Hütte. Als er mit einer Axt in der Hand herauskam, sagte er kein Wort. Aus dem blutigen Gesicht glotzten trockene und hasserfüllte Augen auf die Welt. Er schmiss den steifgefrorenen Rentierkörper vor die Tür einer hungernden Nachbarsfamilie.

Tagelang hörten die Dorfbewohner Khen Darians Hämmern. Ausserhalb des Dorfes schlug er sich durch den Frostboden zum Felsgestein. Tag und Nacht schwebte das Geräusch vom Schlag des Eisens auf Eis über Maedal. Niemand wagte, sich ihm zu nähern. Als es schliesslich still wurde, atmeten die Leute erleichtert aus. Aber dann tat Khen Darian etwas, das den Rest des Dorfes dazu brachte, sich verängstigt anzublicken.

Nachdem Khen Darian Lune und das ungeborene Kind begraben hatte, zerschlug er die wenigen Möbel in der Hütte und stapelte sie zusammen mit dem Holz auf dem Erdboden. Danach brannte er den Haufen an. Während die Flammen das Torfdach durchdrangen und gen Himmel leckten, warf er den Bogen und den Köcher mit Pfeilen auf den Rücken und verliess Maedal.

Im nächsten Herbst ritten die Yeganer wieder nach Maedal. Sie scherzten und lachten, weil sie sich des letzten Males entsannen, als sie dem Bergdorf Steuern abgefordert hatten. Vierzehn Ritter zügelten ihre Pferde auf dem offenen Platz inmitten des Dorfes und entrollten ein weisses Banner. Die Dorfbewohner blickten mit Ehrfurcht auf den schwarzen Raben, der seine Flügel gegen den weissen Untergrund erhob. Der Schwärmer berichtete, dass die Yeganer im Auftrag des Herrschers gekommen seien. "Maedal steht unter dem Schutz der Krake. Sie liebt euch wie ihre eigenen Kinder, und sie weiss, dass ihr sie liebt. Sie gibt euch ihre Gnade. Als Gegenleistung müsst ihr das Hab und Gut des Dorfes mit ihr teilen," sagte der Kapitän der Yeganer.

Als ein Pfeil die Luft durchschnitt und in der Kehle des Kapitäns landete, gingen die Worte in Röcheln über. Die Maedaler flüchteten in ihre Hütten. Die Soldaten formierten sich rasch in Richtung des Gebüschs, aus dem der Pfeil gekommen war.

Ein neuer Pfeil pfiff durch die Luft, und ein neuer Yegan ging zu Boden. Aber jetzt hatten die Soldaten den Bogenschützen umzingelt. Sie waren gut in der Kriegskunst geschult, und sie trugen stählerne Kettenpanzer. Es brauchte nicht lange, den einsamen Bogenschützen zu entwaffnen und zu übermannen. Während die Soldaten den blutigen und ohnmächtig geschlagenen Khen Darian auf den offenen Platz trugen, zitterten die Maedaler hinter geschlossenen Türen.

"Soll die Krake den verrückten Khen Darian nehmen," jammerten sie zueinander. "Jetzt hat er Unglück über das ganze leidende Dorf gebracht. Wir haben unsere Lieben verloren, ohne etwas zu machen. Warum soll der Hass des Herrschers über uns kommen, wenn Khen Darian seine Eigenen verliert?"

Einige Stunden später verliessen die Soldaten Maedal mit allen Vorräten und

Wertgegenständen. Hinter ihnen gingen alle, die ihren fünfzehnten Sommer noch nicht gesehen hatten. Zuerst in der langen Reihe der Sklaven ging Khen Darian. Er sah hinunter und gab keinen Laut von sich. Die blauen Augen zeigten keine Spur von Reue. Er wollte für die Morde leiden, aber Anzeichen von Todesfurcht suchte man in den Augen vergeblich.

Die Sklaven wurden nach Shinogan zu den Sklavenmärkten im südlichen Teil von Alania verfrachtet. Hauptmänner in den Gruben des Herrschers, reiche Kaufleute mit Bedarf an Dienern und Männer von den Plantagen bei Serkland, sie alle kamen, um Menschen zu kaufen, nach Shinogan.

Alle Sklaven aus Maedal wurden verkauft. Die Starken konnten einem harten und kurzen Leben unter der Peitsche entgegensehen. Die Schönen sollten die Aristokraten und reichen Männern sowohl tags als auch nachts Gesellschaft leisten. Die kranken und missgestalteten Sklaven endeten in den dunklen Wäldern bei Rotharin, und von ihnen hörte man nie wieder. Niemand kehrte aus Rotharin zurück und berichtete, was dort wartete.

Khen Darian bekam keines dieser Schicksale. Sein Verbrechen war grob, aber der Herrscher über die Welt konnte einen Mann wie ihn immer noch gebrauchen. Vom Aussehen her ähnelte Khen Darian anderen Pachtbauern und Knechten, aber er hatte sich für immer von ihnen abgewandt. Khen Darian hat das Undenkbare gedacht und das Unmachbare gemacht. Er hatte zwei Soldaten der Krake umgebracht. Eine solche Rachgier und solche Wut waren ihm von Nutzen. Khen Darian wurde an die Gladiatorenschule in Yassa verkauft.

In Alania, dem Reich der Mitte, lag Brünandur, des Herrschers silberweisses Schloss, wo sich glänzende Türme zu Hunderten gen Himmel reckten. Im Norden des Reiches der Mitte, bei Yassa, befanden sich hunderttausende Soldaten in der Hauptgarnison des Yeganheeres. Im Westen, hin zum Alaniafjord, lagen die Hängenden Gärten von Shimoshe.

In den Hängenden Gärten von Shimoshe gab es die Pracht der ganzen Welt. Bunte Pflanzen aus aller Welt wurden mit Wurzeln und Erde ausgegraben und dorthin gebracht. Die vielen Terrassen leuchteten in allen Farben und starker Blumenduft mischte sich mit den Rauchschwaden von Hanf und Mohn. Mit Schlingpflanzen bedeckte Mauern unterteilten den Garten in kleinere Abschnitte. Holzbrücken und Steine trugen die Menschen trockenen Fusses über Fischteiche und Kanale. Die zwischen den Wasserlilien schwimmenden farbenfrohen Fische wurden täglich von Dienern gefüttert. In der Nacht brannten überall Fackeln und Wachslichter, sogar in kleinen Leuchttürmen in den Kanalen. Hirsche liefen frei in den Gärten herum, und Singvögel zwitscherten in vergoldeten Käfigen in den Bäumen. Unzählige Silberglöckchen hingen an den Zweigen. Sie schellten vorsichtig im Wind und der Laut verschmolz mit dem Rieseln der Fontänen.

Im Garten gab es alle Delikatessen, alle Süssigkeiten und alle Getränke, die man überhaupt auftreiben konnte. Die Steuereintreiber kamen mit nie endenden Lastzügen aus den anderen Provinzen. Die Waggons waren voll von Pelzen, gefärbten Textilien, Geschnitztem, Glas, Porzellan und anderen Früchten menschlicher Schinderei. Täglich ritten die Männer aus dem Reich der Krake Pferde zu Tode, um die Hängenden Gärten mit frischem Obst zu versorgen.

Tausende von Sklaven pflegten die Tiere, Pflanzen und Menschen, die es in den Gärten gab. Sie hielten sich, gekleidet in weisse Baumwollanzüge und mit verbundenem Mund, im Hintergrund auf, damit ihr Atem nicht die Herrschenden kränkte, die entlang der moosbedeckten Pfade wanderten. Hier gab es auch die schönsten Frauen, die man sich denken konnte. Hofdamen und Eunuchen passten auf die Sklavinnen aus aller Welt auf, die von der Krake ausgesucht waren.Alle waren makellos mit klaren Gesichtszügen, glänzendem Haar und Haut wie Milch, Honig und Ebenholz. Am Tage trugen sie hübsche Kleider, schmückten sich mit den kostbarsten Juwelen und dufteten von den besten Parfümen. Des Nachts unterhielten sie Aristokraten und Generale und schliefen danach ruhig, ohne zu schnarchen.

Die Eunuchen, Adligen und Hofdamen huschten wie Mäuse durch die Hängenden Gärten. Nur an grossen Festen und Feiertagen lag Stille über den vielen Parks. Da pflegte der Kaiser die Jagd und das Kriegsspiel in der Arena von Shimoshe.

Die Arena war von einer starken Mauer umgeben, über der sich ein aus Zweigen geflochtener Zaun erhob.Ausserhalb der Mauer lagen mit Kissen und Tierfellen bedeckte Steintribünen. Von diesen weichen Lagern aus konnten Offiziere, Adlige und Eunuchen die Spiele beobachten, ohne einer Verletzungsgefahr ausgesetzt zu sein.

Auf der Südseite der Arena stand der grosse Pavillon der Krake so, dass die Öffnung im Schatten lag. Gestrichene Säulen trugen ein vergoldetes Holzdach. Überzogenes Pantherfell an der Aussenseite und eine dichte Decke aus purpurfarbener Seide an der Innenwand, sorgten dafür, dass weder Wind noch Regen die Krake stören konnten. Vorm Dach, hin zur Arena, hing ein purpurrotes Banner, auf dem ein riesiger Rabe die Flügel beschützend über den Weltenherrscher erhebt.

Im warmen Sand unter der Krake floss Blut in reissenden Strömen. Löwen aus dem Dschungel im Süden töteten Bären aus den Bärenwäldern. Krododile aus den östlichen Sümpfen auf der anderen Seite der Weltscheibe, töteten Wildschweine aus den Ländern der Mitte. Jagdfalken aus dem Norden brachten Kaninchen und Kleinnager um. Zugochsen aus Katül töteten Rentiere aus dem Schneeland. Und zum Tode verurteilte Männer aus aller Welt ermordeten andere todgeweihte Männer.

Der trockene Sand in der Arena von Shimoshe sog viel Blut in sich auf. Es wurde gesagt, dass der Durst des Sandes niemals gestillt werden könne und die Krake immer neue Tiere und neue Männer für ihre Spiele brauche.

In Yassa, der Hauptgarnison des Yeganheeres, gab es Schulen für Gladiatoren. Dorthin wurden von der Krake alle die Verbrecher gesandt, die noch immer einen Funken eigenen Willens hatten. Dorthin schickte er Mörder und Geächtete, aufrührerische Sklaven und Pachtbauern, die die Steuereintreiber mit bewaffneten Händen empfingen. Dorthin sandte er alle, die die Augen vom Boden hoben und hassten, was sie sahen.

In Yassa trainierten erfahrene Krieger Khen Darian in San Tai, einem unbewaffneten Kampf zwischen zwei nackten Gegnern. In der Schule bewachten zehn Yegansoldaten jeden Gladiator. Obwohl alle an die Freiheit dachten, hatte keiner die Flucht geschafft. Sie sahen die Sonne, wenn sie zum Training herausgelassen wurden; ansonsten lebten sie wie Tiere im Käfig.

Die Wächter tätowierten jeden Mann mit dem Gladiatorenzeichen. Alle Sklaven wurden auf dem Arm tätowiert. Somit war deren Geschichte vom Körper abzulesen. Geflohene Soldaten konnten sich mit geradem Rückrad und erhobenen Hauptes unter freien Männern bewegen, aber die Tätowierung konnten sie niemals entfernen. Die Krake entlohnte die Verräter gut, und ein gezeichneter Mann konnte sich nie sicher fühlen.

Nach zwei Jahren auf der Gladiatorenschule wurde Khen Darian nach Shimoshe geschickt. Die zwei Jahre hatten ihn verändert. Er dachte an die Eltern. Er dachte an Lune und ihr gemeinsames, ungeborenes Kind. Jetzt lagen sie zusammen unter der Erde. Er dachte daran, dass er bald Gleichgesinnte unterm Jubel der Adligen töten werde und vielleicht selbst umkommen würde. Er verstand, dass der Mord am Yegankapitän mehr Schaden angerichtet als Nutzen gebracht hat. Damals hatte der Hass ihn dazu veranlasst, eine unkluge Tat zu begehen. Jetzt sollte er bald gegen andere kämpfen, die gleich ihm unüberlegt gehandelt hatten.

Diejenigen Gladiatoren, die die Ausbildung überlebten, besassen einen besonderen Überlebenswillen. Alle anderen gingen schnell zugrunde. Aber Khen Darian sich hatte nicht nur entschieden zu überleben, wie die anderen, er hatte sich zum Überleben um jeden Preis entschlossen.

Es gab viele verschiedene Gladiatoren. Sie kämpften mit Stöcken, Messern, Schwertern und Äxten. Bei den Zuschauern standen die Kämpfe zwischen den San Tai- Kämpfern in der höchsten Gunst. Sie trafen nackt aufeinander, und sie gebrauchten keine anderen Waffen als ihre Körperteile. Ein San Tai-Kampf sah aus, wie ein rotierendes Knäuel aus Tritten und Schlägen. Den einzigen Schutz boten zwei Seile, die in Leim getaucht und um die Hände gewickelt wurden. Beim Antrocknen des Leimes wurden die Seile zu einem Paar steinharter Handschuhe. Khen Darian achtete immer darauf, die Handschuhe in Sand und Steine zu tauchen, bevor der Leim trocknete.

Die Kämpfe begannen beim Sonnenuntergang. Die Gladiatoren gingen, jeder von seinem Eingang aus, aufeinander zu. Der Sand brannte unter den baren Füssen, aber das merkten die Gladiatoren nicht. Nur einer von ihnen durfte die Arena lebend verlassen. War ein Kampf beendet, bevor ein Gladiator tot war, tötete man beide.

Die besten San Tai- Kämpfer lebten nicht länger als ein Jahr, nachdem sie nach Shimoshe gekommen waren. Khen Darian überraschte alle. Er hielt länger aus als alle vor ihm. Der blonde Mann mit dem mageren Gesicht wurde zum gefürchtetsten San Tai- Kämpfer aller Zeiten.

Nach und nach wurde Khen Darian eine Legende. Die Aristokraten redeten über ihn als sprächen sie über ein schnelles Rennpferd oder eine schöne Skulptur. Sollte Khen Darian in die Arena, freuten sich alle auf die Unterhaltung. Was der Gladiator selbst dachte, wusste niemand, und die meisten wussten nicht einmal, dass er denken konnte.

Vier Jahre lang wohnte Khen Darian in einem Käfig in Shimoshe. Tagsüber trainierte er unter Aufsicht von Wächtern. Des Nachts besah er sich die Sterne, die durch die Gitterstäbe hoch oben schimmerten. Einmal im Monat tötete er andere Gladiatoren in der Arena.

Zum Schluss musste er gegen einen der schwarzgekleideten, obersten Offiziere des Yeganheeres kämpfen. Als die erste Krake aus Alania ausritt und sich alle Länder unterwarf, war ihr Heer schwarz gekleidet. Die obersten Offiziere stammten aus diesem ersten Heer, und nur sie durften die schwarze Uniform tragen. Die Schwarzgekleideten standen der Krake am nächsten, und sie gaben acht, dass ihre Befehle immer befolgt wurden. Zum Dank bekamen die Schwarzgekleideten Teile von den Schätzen, die sie eintrieben, und sie hatten auch Zugang zu den Hängenden Gärten von Shimoshe.

Die Krake vergass nie, dass die Gladiatoren nichts anderes als Sklaven und Pachtbauern waren, die sich gegen die Gesetze des Herrschers vergangen hatten. Sollte auch ein Gladiator lange genug gelebt haben , dass er die Achtung der Zuschauer erfuhr, wurde er von den Schwarzgekleideten ermordet. Die Wertschätzung des Sklaven wurde damit in Achtung gegenüber den Männern der Krake umgewandelt. Viele erfahrene Offiziere bewarben sich für diese Arbeit. Die Krake wählte nur die Tüchtigsten aus, und derjenige, der dem Gladiatoren begegnete, schöpfte viel Ruhm daraus. Dass der Gladiator siegte, passte schlecht, deshalb kämpfte nun der Schwarzgekleidete bewaffnet, während der Gegner nackt in den Kampf zog.

Die Krake verpasste nie einen Kampf zwischen einem Gladiator und einem Schwarzgekleideten. Jetzt sass er in seinem Pavillon an der Arena unter seinem Banner. Ein purpurrotes Tuch lag drapiert über dem Thron, und die Krake trug einen Umhang aus dem gleichen Stoff über den Schultern. Die Nase des Weltenherrschers verbreiterte sich über einem dicklippigen Mund. Die aufgedunsene Haut faltete sich um zwei zwinkernde blaue Augen herum. Eine Silberkette hing um den kurzen Hals und mitten auf der Kette funkelte ein schwarzer Diamant.

Die Diener standen zu beiden Seiten des Weltenherrschers. Jemand fütterte ihn mit Honigkuchen, gefärbtem Zucker und frischem Obst. Andere passten auf, dass der gewürzte Wein allzeit den Becher des Herrschers bis zum Rand füllte. Wieder andere fächerten über seinem Haupt mit parfümierten Tüchern. Um die Krake herum sassen Generale mit federgeschmückten Helmen und glänzenden Kettenhemden, Adlige in weissen Leinenkleidern und Eunuchen in flammig bunten Seidentrachten und gewundenem Schmuck. Der Abstand zur Krake und die Sitzhöhe bezeichnete die jeweilige Stellung am Hof.

Die Kämpfe dauerten mehrere Stunden an. Die Generale betrachteten das Schauspiel mit steinernen Gesichtern. Die Aristokraten wetteten um den Ausgang; sie feuerten ihre Lieblinge an und riefen enttäuscht, wenn sie Geld verloren. Die Eunuchen kicherten sich an und klatschten in die Hände, sobald einer im Sand unter ihnen getötet wurde.

"Räumt den Sand auf!" kommandierte die Krake am Ende.

Einige Soldaten liefen hinaus, um die Toten und die Verletzten zu entfernen. Stille legte sich über die Arena. Jetzt kam der Teil der Vorstellung, den alle erwarteten. Der Gladiator, der so viele andere getötet hatte, sollte nun selbst sterben. Nachdem der Sand geräumt war, marschierte der auserkorene Offizier unter dem Thron der Krake heraus. Ein federgeschmückter Helm beschützte den Kopf, und ein Kettenhend über der schwarzen Uniform bedeckte Brust und Rücken. Die Augen standen weit auseinander im breiten Gesicht.

Der Schwarze lächelte durch den buschigen Bart. Er schüttelte seine groben Glieder und rollte mit den Schultern, bevor er das Schwert zum Gruss an den Herrrscher erhob.

"Führe den Gladiator herein!" befahl die Krake.

Ein Tor öffnete sich. Drei Yegansoldaten geleiteten den nackten Khen Darian in die Arena. Sie liessen das Tor offenstehen, doch ihre Speere versperrten den Weg für den Gladiator.

"Lass den Kampf beginnen!"

Khen Darians Gesicht verriet keine Gefühle, als er die Worte der Krake hörte. Ein dünnes Lächeln umspielte den Mund und die Augen glänzten wie feuchte Steine. Er hatte kein Seil um die Hände gewickelt. Der Offizier grinste breit, als er das Langschwert vor sich mit beiden Händen erhob. Die Zuschauer jubelten, und er dachte an die Feier, die nach seinem Sieg stattfinden sollte.

Die Abendsonne färbte den Himmel rot. Blutbefleckter Sand klebte sich an die baren Füsse. Khen Darian atmete tief und gleichmässig. Dann glitt er in eine von den Zuschauern nie zuvor gesehene Haltung. Die Füsse standen seitwärts weit heraus, die Fusssohlen zeigten geradeaus. Er beugte die Knie so, dass der Schwerpunkt zwei Fuss über dem Boden lag. Er streckte die Hände von sich, wobei die Handflächen auf den Schwarzgekleideten gerichtet waren.

Allein, in seinem Käfig eingesperrt, hatte Khen Darian eine neue Art zu kämpfen entwickelt. Er hatte lange gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Jetzt war er vorbereitet.

Der Gladiator begann zu rotieren. Sacht zu Beginn, aber je näher er dem Offizier kam, desto schneller rotierte er. Schliesslich war er ein unförmiger, grauer Schatten mit ausschlagenden Händen und Füssen, gleich dem Kopf einer Eisenschlange. Er schlug das Rad um den verwunderten Gegner herum. Er wippte zur Seite und rollte unter das sausende Schwert .

Die ganze Zeit rutschten steife Finger und harte Füsse durch die Abwehr hindurch zum Schwarzgekleideten, gegen eine unbeschützte Hüfte, gegen den Nacken, gegen die Knie. Kurz darauf verschwand er aus der Reichweite der Waffe.

Blind vor Wut schlug der Schwarze um sich. Er hätte genausogut versuchen können, eine Rauchschwade zu töten. Sooft, wie das Schwert die Luft zertrennte, spürte er einen Feuersturm stechender Nadeln auf Hüften und Schultern, einen Feuersturm, der Beine und Arme lähmte. Keiner der Schläge und Tritte hatte grossen Schaden angerichtet, aber die Summe derer brannte, und der Offizier bewegte sich schwerfällig.

Plötzlich stoppte Khen Darian. Zehn Schritte vom Schwarzen entfernt stand er, ohne sich zu rühren. Nur das reibende Atmen des Offiziers brach die Stille. Die Zuschauer begriffen, welchen Ausgang es nehmen würde, und sie begannen, laut zu rufen.

"Stoppt den Kampf! Stoppt den Kampf und tötet den Gladiator danach!"

Die Krake überlegte.

"Stoppt den Kampf!" kommandierte er endlich.

Noch nie hatte ein Gladiator einen Schwarzen besiegt. Es sollte nicht das erste Mal sein.

Khen Darian schaute den Offizier mit leerem Gesicht an. Um diesen Abend zu überleben musste er die Zuschauer derart demütigen, damit sie ihn nicht hinrichteten. Khen Darian verzerrte das Gesicht und ein verächtliches Lächeln lag auf den Mundwinkeln.

Der Offizier hörte nicht der Zuschauer Rufe. Er registrierte nichts anderes als Khen Darians Lächeln. Rot vor Wut und Scham hob er das Schwert über den Kopf und sprang vor. Hätte das Schwert getroffen, wäre der Gladiator von Kopf bis Fuss zweigeteilt gewesen. Und wieder verwandelte Khen Darian sich in eine Rauchschwade. Er schlug Räder ins und unters Schwert und trat beide Fersen in das bärtige Gesicht des Gegners. Der Schwarzgekleidete sank bewusstlos um, und Khen Darian rollte von ihm. Der Gladiator erfasste das Schwert mit beiden Händen. Er hob das Heft so über den Kopf, dass die Klinge vorm Gesicht herunterhing. Khen Darian blickte hoch zur Krake. Du herrrschst über die ganze Welt. Aber eines Tages wirst du vor mir auf dem Boden liegen. Die Augen des Gladiators glänzten wie Steine in einem eiskalten Bach. Ansonsten war das Gesicht leer. Selbst das dünne Lächeln war verschwunden. Khen Darian stiess das Schwert durchs Kettenhemd, durch die schwarze Uniform und durch den Körper des Offiziers.

Die Zuschauer starrten auf den Mann, der am Boden aufgespiesst lag. Der Schwarzgekleidete krümmte sich und gurgelte Blut. Khen Darian drehte den Zuschauern den Rücken zu und ging zum Ausgang, hin zu den Speeren der Soldaten. Erstmals hatte ein Gladiator über einen Offizier gesiegt. Keiner sagte etwas. Die Soldaten schauten sich, wartend auf einen Befehl, unschlüssig um. Zum Schluss liessen sie die Speere nieder und gingen auf den Gladiator zu.

"Stopp," brüllte die Krake. "Tötet ihn nicht. Das ist zu einfach."

Einige hohe Berge erhoben sich zwischen dem Buirsee und dem Wald von Rotharin. Umgeben von diesen Bergen, in einem grossen Tal, lagen die Grabkammern der Herrscher. Die Leute nannten das Tal Die Totenstadt. Hier baute jede Krake ihre letzte Ruhestätte. Dort sollten sie unter weichen Teppichen aus Spinnweben zusammen mit den durch ein langes Leben gesammelten Schätzen schlafen. In der Totenstadt würde jede Krake ewig leben.

Jahrtausende waren vorbeigestrichen, in denen die Sklaven den Marmor aus den Steinbrüchen am Buirsee zu den Katakomben, Mausoleen, grossen Steintempeln und Gehwegen in der Totenstadt schleppten. Im Rest der Welt durften die Knechte und Pachtbauern Familien stiften und sich jämmerlich ernähren. Die Sklaven aber sollten nach der Fertigstellung der Grabkammern nicht weiterleben. Sie sollten der Krake durch Die letzte Tür folgen, damit auch sie im Todesreich die Aufwartung bekam, die einem Herrscher gebührte.

Weil die Sklaven ohnehin sterben sollten, bekamen sie wenig Essen und schlechtes Obdach. Die nicht mehr arbeiten konnten, wurden mit einer Hammeraxt in den Nacken belohnt. Die Sklavenantreiber mit Peitschen passten auf, dass alle Sklaven arbeiteten, bis sie ohnmächtig wurden. Wütende Hunde sorgten dafür, dass niemand in den kurzen erlaubten Ruhepausen fliehen konnte.

Khen Darian Arm wurde nochmals tätowiert. Diesmal mit dem Zeichen der Sklavenarbeiter. Ein schneller Tod des Gladiators gefiel der Krake nicht. Er sollte tausendfach in der Totenstadt sterben, wohin er zur Arbeit an einem Tunnel quer durchs Gebirge bis zum Rotharinwald abgestellt war.

Nocheinmal zog sich Khen Darian in sich selbst zurück. Niemals benutzte er die Fertigkeiten, denen er das Überleben während der vier Jahre in der Arena zu verdanken hatte. Niemals verweigerte er, einem Befehl zu gehorchen. Er tat alles, um sich nicht von den anderen Sklaven abzuheben. Er tat alles, um vergessen zu werden.

Wenn die Männer sich zum Geschichtenerzählen ums Lagerfeuer versammelten, verstummten die Gespräche immer, sobald jemand die dunklen Wälder von Rotharin erwähnte. Alle hatten von den Wäldern gehört, aber niemand wusste, was dort vor sich ging. Einige murmelten etwas von Gespenstern und wiederauferstandenen toten Männern. Andere meinten, die Bosheit käme von Teufeln in Menschengestalt.

Nicht einmal die Krake und ihr Heer waren so gefürchtet wie die Druiden in Rotharin. Eine nicht enden wollende Reihe von Wagen mit Krüppeln und Sklaven, die zu alt und zu krank zum Arbeiten waren, kam vor jedem Vollmond im Rotharinwald an. Die Sklavenantreiber hinterliessen die Wagen mit angeketteten Sklaven auf Lichtungen im Wald. Wenn sie nach einigen Tagen zurückkamen, standen die Wagen immer noch dort. Aber abgesehen vom Entgelt für die Sklaven waren sie immer leer.

Von Ugrin, Dem braunen Magus, angeführt, töteten die Druiden die Sklaven in blutigen Ritualen. In Rotharin waren die Männer Nodon ergeben. Nodon war ein alter und mächtiger Gott, und er forderte das grösste Opfer. Indem sie Menschenfleisch und Blut von Toten assen und tranken, erhofften sich die weissgekleideten Druiden, dass Nodon den Tag, an dem sie selbst durch die Tür des Todes gehen sollten, aufschieben wird.

Die Yegansoldaten und die Schwarzgekleideten mieden Rotharin. Sie wunderten sich oft darüber, weshalb die Krake nicht einen Teil des Heeres entsandte, um den Wald abzubrennen. Sie wussten nicht, dass einige der Druiden auserwählte Offiziere waren und ihr Herrscher Ugrin, Der braune Magus, war.

Die Krake besass alle Reichtümer, die man besitzen konnte. Sie beherrschte die ganze Welt. Doch sobald sich Die letzte Tür öffnete, war selbst der mächtigste Mann genauso machtlos wie der erbärmlichste Sklave. Indem er Nodon anderes Leben vermachte, erhoffte er sein Leben zu verlängern. Er hatte keine Ahnung, ob es half, aber Sklaven hatte er ja genug. Und es war wahr, dass jede Krake länger als alle anderen Männer lebte.

Die Arbeit am Tunnel dauerte schon mehrere Generationen an, die ganze Zeit unter strengster Geheimhaltung. Niemand ausser dem vertraulichsten Kreis der Krake ahnte etwas vom Tunnel. Diejenigen, die die Arbeit leiteten, konnten ihr Alter nach Beendigung ihres Teils der Arbeit nicht geniessen. Heckenschützen töteten sie, bevor sie anderen vom Tunnel erzählen konnten. Die Wachposten am Eingang zum Tal glaubten, die Soldaten arbeiteten am Bau der Grabkammern und Tempel. Niemand ahnte etwas von dem Gang, der die Druiden in Rotharin und die Krake, die beiden grössten Mächte der Welt, verbinden sollte.

Die Sklaven, die im Gebirge Stein abbrachen, hatten nur sich selbst als Gesprächspartner, um vom Gang zu erzählen, und sie hatten selten noch genug Kraft zum Sprechen. Lederbeutel nach Lederbeutel, gefüllt mit Steinen, verliessen sie den Gang. Um den Grund auszugleichen, legten sie flache Platten auf den Boden. Sie stapelten grob gehauene Steine entlang der Wände und dichteten die Spalten mit Mörtel ab. Zum Schluss wischten sie die Blutspuren weg.

Als Khen Darian in Die Totenstadt kam, folgte ihm der Bescheid, dass er bis zum Umfallen

getrieben werden solle. Nicht totgepeitscht sollte er werden, sondern sich über längere Zeit zu Tode schinden. Khen Darian wurde abgestellt, losen Stein im Innersten des Tunnels zu hauen, weil diese Arbeit als die schwerste galt.

Der Körper blutete aus tausenden kleinen Wunden, verletzt durch scharfe Steine, spritzenden Sand und Peitschenhiebe. Der Felsstaub beinhaltete viel Salz, deshalb dauerte das Abheilen der Wunden lange. Die Haut wurde nach der langen Zeit im Tunnelinneren blass, und sein Haar wurde alle zwei Wochen von den Wachen geschnitten. Nach einem halben Jahr unterschied sich Khen Darian nicht von den anderen Sklaven. Sie waren alle weisshäutig, glatzköpfig und rot auf dem Rücken.

Der lange Gang zwischen der Totenstadt und Rotharin war fast fertiggestellt. Nach drei Jahren als Sklavenarbeiter wollte Khen Darian bald das Tageslicht auf der anderen Seite des

Gebirges sehen. Aber er würde die Sonne nicht lange sehen. Nachdem der Gang fertig war, würden alle Sklaven in den Händen der Druiden in Rotharin enden.

Eines Tages veränderte sich der Laut beim Hacken. Zusätzlich zum scharfen Schlag beim Aufeinanderprallen von Eisen auf Stein, hörte er einen dumpfen Widerhall. Wenige Tage später, als Khen Darian die Hacke mit aller Kraft in die Felswand schlug, fühlte er das Gestein nachgeben. Eiskalte eingeschlossene Luft mischte sich mit Steinstaub. Die Sklaven räumten die Öffnung, und Khen Darian ging eine Fackel tragend hinein ins Dunkel.

Die Sklaven hatten sich durch die Gebirgswand zu einem unterirdischen Flusslauf durchgearbeitet. Früher floss der Fluss von einem Bergsee durch das Berginnere, aber jetzt lag der Boden trocken und glatt. Der Flusslauf schnürte sich, hochwärts ins Gebirge verlaufend, ein. Dieser Arm lag im Dunkel, aber am Auslauf konnte Khen Darian einen Lichtschimmer vernehmen. Nach mehr als zehn Generationen hatten die Sklaven ein ganzes Gebirge durchbrochen.

Jetzt sah Khen Darian seine Chance gekommen, auf die er neun Jahre gewartet hatte. Während die anderen Sklaven in Verwunderung über die von der Natur allein geschaffene Grotte gafften, lag er auf dem Sprung zum Ausgang auf der anderen Seite. Der Rest der Sklaven sah ihm ratlos nach. Viele von ihnen waren ihr ganzes Leben versklavt, und sie hatten die Fähigkeit, selbst zu denken verloren. Und die, die begriffen, was Khen Darian vorhatte, besassen nicht mehr genug Kräfte zu folgen.

Khen Darian kam nicht weit. Als die Sklavenantreiber die abgebrochenen Arbeiten bemerkten, erreichten sie schnell die Öffnung zum Flusslauf. Dort sahen sie Sklaven, die in Richtung des Tageslichts auf die andere Seite stolperten. Die Aufseher liessen die Hunde auf den flüchtenden Sklaven los, und er endete unter fletschenden Haufen aus Krallen und Gebissen.

Khen Darian bekam fünfzig Peitschenhiebe auf den Rücken. Die Wachen brachten ihn nicht um, weil die Krake befohlen hatte, er solle so lange wie möglich leiden. Und immer noch gab es genügend Arbeit im Höhlengang. Der Fluss hatte sich zu einer Schlinge am Ausgang gewunden, somit war an dieser Stelle die Grotte am breitesten. Die Sklaven vergrösserten die Höhle und ebneten die Decke. Khen Darian wusste, dass er nicht lange leben würde. Nun, so kurz vorm Ziel, peitschten die Schinder die krummgebeugten Rücken noch härter. Die Peitschenhiebe zehrten an dem wenigen, was er noch an Kräften hatte.

Bei der Arbeit am Aufbau der Höhlenwände nahm er eine Fackel und eine Hacke mit und schlüpfte zu dem Teil des Flussbettes hindurch, das sich bergaufwärts wand. Wohlbehalten innen angekommen, trieb er die Hacke unter einen grossen Rollstein. Khen Darian holte tief Luft und nahm alle seine Kräfte zusammen, aber der Felsblock bewegte sich nicht von der Stelle.

Er dachte an die Eltern , Lune, an das ungeborene Kind und an alle, die er unterm Beifall und Kichern der Aristokraten und Eunuchen umgebracht hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben weinte Khen Darain. Die Tränen rollten über die Wangen und der Oberkörper erzitterte von langen Schluchzern.

Dunkle Laute stiegen vom Grund des Berges auf. Sie bewegten sich über die Fusssohlen an den Beinen hinauf, im Bauch wuchsen sie zu einer Stärke, die die Lungen bis zum Platzen füllten, bevor sich schliesslich ein gewaltiger Schrei durch die Kehle presste. Der Schrei flog zwischen den Wänden hinab zu den Sklaven, die unter ihm arbeiteten, durch den Höhlengang hinaus ins Freie.

Die spindeldürren Muskeln zogen sich wie ein Eisenband zusammen. Das Blut klopfte in den Schläfen und ein roten Schimmer legte sich auf die Welt. Er schrie die ganze Zeit. Dann brach der Schrei mit Gewinsel ab, und er fiel an der Stelle, wo der Stein gelegen hatte, zusammen.

Der Felsblock rollte mit grosser Geschwindigkeit abwärts. Auf seinem Weg löste er auch andere Steine und riss sie mit sich. Sie wiederum schlugen andere Steine an, und zum Schluss tobte eine brüllende Lawine abwärts zum Höhlengang. Als Sand und Staub niedergesunken waren, lagen sowohl die Aufseher als auch die Sklaven zerschmettert unter den Steinmassen. Die Aufräumarbeiten wurden unmittelbar in Gang gesetzt. Die Krake hatte keine Zeit, um die Toten zu trauern. Die Lawine wurde als Unfall abgeschrieben, und Khen Darian wurde als tot registriert.

Einen Monat später, bei Vollmond, war die Arbeit am Tunnel fertig. Die Sklaven wurden aneinandergekettet und von lächelnden Sklavenantreibern hinaus in den Rotharinwald geführt. Die Schinder dachten an die Bezahlung, die ihnen nach Jahren schwerer Arbeit zustand. Das Schicksal der Sklaven interessierte sie nicht.

Das Lächeln erstarb, als einige Männer in weissen Kutten aus dem Schatten der Eichenbäume traten. Zum ersten Mal sahen die Schinder die Druiden in Rotharin. Zum ersten Mal standen sie von Angesicht zu Angesicht der Bosheit gegenüber, die in den alten Wäldern ansässig war.

Ein braungekleideter Mann mit einem Glasmesser in der Hand führte die Druiden an. Als ihn einige der Schinder wiedererkannten, schlug die Furcht sie zu Boden. Ihr Gebieter trug zwei Farben, den purpurfarbenen Umhang der Krake und die braune Kutte des höchsten Priesters. Das Wissen, dem sie nun teilhaftig wurden, sollte nicht weiterverbreitet werden.

Der braune Magus erhob die Hände über den Kopf und rief einige Worte in einer unbekannten Sprache. Mehrere Hunderte weissgekleideter Männer sprangen aus ihren Verstecken heraus. Einige Aufseher versuchten Widerstand zu leisten, aber die weissgekleideten Männer schrien schrill und hackten mit langen Messern, und die Schinder sanken schnell blutend zusammen.

Danach begann das Fest. Die Sklaven hatten dort einen Steinaltar aufgebaut, wo das Flussbett zu einer grossen Höhle erweitert war. Ein grösserer Stein ruhte quer über zwei kleineren Steinen. Die Sklaven hatten den Befehl befolgt, ohne ihr Tun zu begreifen. Erst jetzt sahen sie, wozu der Altar benutzt werden sollte.

Die Einweihung von Nodons Opferstein wurde zu einem unvergleichlichen Blutbad . Viele Druiden assen Pilze, um ihrem Gott näherzukommen, aber nun taumelten sie ohne ihn im Blutrausch und brauchten nichts anderes mehr. Die Opferung dauerte die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag. Als es Abend wurde, fanden sich nur noch Druiden in Rotharin. Die Kutten hingen dunkel und schwer an ihnen, milchig weisse Hände überzogen die Augen und die Gesichter leuchteten rot von Blut. Sie schliefen ein, wo sie zu liegen kamen. Selbst die Krake war erschöpft vom Blutbad, und er legte sich in sein eigenes Zelt.

Mitten in der Nacht erwachte die Krake, als ihm eine Hand um den Hals gedrückt wurde. "Nun ist die Krake in meiner Macht. Wie fühlt sich das?" flüsterte eine Stimme in sein Ohr.

Die Hand lockerte nicht den Griff an der Kehle der Krake, damit er antworten konnte. Ein schwaches Vollmondlicht drang durch das Rauchabzugsloch im Zelt, aber die Krake konnte den Kopf nicht bewegen und sah nicht das Gesicht zur Stimme.

"Du bist auch nur ein Mensch. Das lehrte ich dir. Du kannst sterben wie alle anderen," flüsterte die Stimme . Die Augen der Krake lagen wie Bleiklumpen hinter den Falten der aufgedunsenen Haut. Die dicken Lippen des Weltenherrschers zitterten. Er bemerkte, wie eine Hand den Diamantschmuck vom Hals nahm.

"Den Schmuck nehme ich zum Andenken an die bei dir abgediente Zeit. Zuerst opferte ich der Krake meine Familie. Dann tötete ich für die Krake Männer in der Arena von Shimoshe. Danach grub ich den Tunnel für die Krake durchs Gebirge. Jetzt ist es Zeit, Lohn zu fordern."

Khen Darian konnte die Krake mit einem Handgriff umbringen, aber er verstand, dass der Tod dieser einen nicht ausreichte. Viele waren zur Übernahme bereit. Die Krake am Leben zu lassen, stritt gegen alle Gefühle in ihm, aber es konnte ihm später helfen. Da bekäme die Krake einen Feind mit Gesicht, einen Feind, der sie in seiner Macht hatte und sie erniedrigte. Sie würde dann aus Furcht und Wut handeln und nicht aufgrund kalter und wohlüberlegter Gedanken.

"Du wirst nicht jetzt sterben, aber andere werden nach mir kommen", flüsterte er. Sie würden den ganzen Baum mit den Wurzeln herausreissen, ihn in kleine Stücke zersplittern und jeden einzelnen Span verbrennen. Den Funken zu diesem Brand trug Khen Darian in sich. Den Funken würde er weitergeben, wenn die Zeit reif war. Das brauchte viele Generationen, das wusste Khen Darian. Aber eines Tages würde der Träger der Flamme hervortreten. Dann sollte der ganze Baum angesteckt werden.

"Du wirst nicht jetzt sterben, aber andere werden nach mir kommen," wiederholte er.

Khen Darian drehte den Kopf der Krake um. Einen kurzen Augenblick lang sah der Herrscher der Welt das Gesicht eines Sklaven ohne Eigentum, Familie und Vergangenheit. Gegen seinen Willen trank die Krake tief aus einem blauen Augenpaar, klar wie Quellwasser, und sie wusste, dass diese Augen sie nie verliessen.

Khen Darian legte eine Hand in den Nacken und eine an das Kinn des Weltenherrschers. Er drehte und Muskelgewebe barst. Dann lag die Krake still. Der Herrscher über die Welt wollte leben, aber mit etwas Glück würde er lahm vom Hals abwärts bleiben.


Ein geflüchteter Sklave erschlich sich Schlaf in einem Gebüsch des Rotharinwaldes. Während der Körper schlief, schwebten die Träume über das Gebirge nördlich vom Moorland. Ausser den Träumen besass der geflüchtete Sklave nichts. Die Familie lag ausserhalb eines kleinen Dorfes im Norden der Welt begraben. Das Heim hatte er abgebrannt. Seinen Namen konnte er nie mehr benutzen. Sogar auf die Vergangenheit verzichtete er, weil sie von Mord besudelt war. Hundegebell riss den geflüchteten Soldaten aus dem Schlaf. Er hatte nicht lange geschlafen. Als er sich vom Lager erhob, lag die Nacht noch immer über dem Eichenwald. Er atmete ein paar mal tief. Dann fing er wieder zu rennen an, weg von den Hunden und den Druiden und der Krake. Am Anfang ging es beschwerlich, denn obwohl der Verstand wach war, hatte er Schwierigkeiten, die Glieder zu bewegen. Aber der geflohene Sklave peitschte den müden Körper weiter, immer weiter.

Einige Stunden später erreichten die Hunde das Gebüsch, in dem der Sklave sich einige Stunden Ruhe erschlichen hatte. Sie liefen im Kreis und bellten laut, bevor sie die Spur wieder aufnahmen. In der Dämmerung kamen die Hunde an einen Fluss. Die Morgensonne schickte zaghafte Lichtstrahlen durch die Baumkronen, aber das Wasser floss schwarz und still durch den uralten Wald.

Am Fluss endete die Spur. Die Hunde sprangen auch hier im Kreis, aber nun winselten sie hilflos. Die Druiden schrien vor Wut, denn egal, wie sie die Hunde auch schlugen und peitschten, die Tiere konnten die Fährte des Mannes nicht finden.

Der Weltenherrscher lag auf einem Tragestuhl für den Rest des Lebens. Nun fand sich kein anderer Gedanke in seinem Kopf als der, den geflohenen Soldaten zu töten. Er setzte eine grosse Streitmacht auf den Mann an, der das Geheimnis der Krake kannte. Zum ersten Mal seit langer Zeit konnten die freien Stämme in Frieden leben. Die Yegansoldaten waren mit anderem beschäftigt. Die Krake versprach zusätzlich demjenigen eine fürstliche Belohnung, der den ehemaligen Gladiator fangen oder anzeigen konnte. Von Zuträgern wimmelte es in der ganzen Welt, aber als die Krake nach einigen Jahren starb, hatte noch niemand das Geld gefordert.

Die nachfolgende Krake setzte die Jagd nach dem geflohenen Sklaven fort. Die Jahre gingen, aber keiner der Spione der Krake hörte etwas von geflüchteten Sklaven. Schliesslich glaubten alle, dass er tot war. Nach einigen Jahrzehnten vergassen alle, ausser den Herrschern, diesen Mann.

Jede Krake erzählte ihrem Erben, dass einmal ein Sklave ihren Krallen entkommen sei. Dieser Sklave wusste, dass Ugrin, Der braune Magus, die Krake war, der Weltenherrscher. Abseits vom engsten Kreis des Herrschers gab es jemanden, der dessen Geheimnis teilte.

Der geflohene Sklave verbarg sich in den verwildersten Teilen der Welt. Er vertraute keinem. Wenn er sich in Einöden aufhielt, entfachte er niemals Feuer. Durchquerte er Dörfer, sprach er nicht zu anderen. Wenn er wanderte, schlief er tagsüber versteckt in Gebüschen und Höhlen und gings des Nachts. Sich niederzulassen, bedeutete den Tod. Er liess sich nicht nieder.

Wenn er Gesellschaft vermisste, durchlebte er nochmals die Sommertage, die er mit Lune geteilt hatte. Wenn ihm fror, wärmte ihn der Sonnenschein aus vergangenen Tagen. Wenn er hungrig war, schöpfte er Nahrung aus der Erinnerung. Die ganze Zeit schmiedete er Pläne, und er verlor nie das Ziel aus den Augen. Als er im Tunnel von der Totenstadt nach Rotharin Fels zerschlug, hatte er gelernt, dass alles zerstört werden konnte. Selbst der grösste Stein zerbarst unterm Hammerschlag, schlug man nur häufig genug und gezielt. Es würde lange dauern, vielleicht viele hundert Jahre, aber eines Tages würde Alania darniederliegen, dem Erdboden gleichgemacht.

Nach einigen Jahren fand er auf einem kleinen Felsen auf einer Lichtung der Bärenwälder einen Jungen. Er untersuchte den Körper des Kindes, ohne irgendwelche Gebrechen oder Zeichen von Krankheit zu finden. Die Eltern mussten viele Münder zu stopfen gehabt haben, wenn sie ein solches Kind aussetzten. Niemand würde das Kind vermissen, und so nahm er es an sich.

Zum ersten Mal seit langer Zeit lächelte der geflohene Sklave sein schiefes Lächeln. Er überlegte, ob das Kind einmal wünschen könnte, dass man es zum Sterben hätte liegenlassen sollen.

Das Kind wuchs in der Einöde auf. Es lernte alles, was ihm der geflohene Sklave zu vermitteln hatte. Und als der geflohene Sklave schliesslich starb, verliess der Erbe den toten Körper, um die Flamme weiterzutragen. Mäuse und Aasvögel zerpflückten die Leiche, und die Knochen verbleichten in der Sonne, bis dann, von wilden Tieren kleingenagt, alle Spuren vom ersten Krieger der Nacht verschwunden waren. Doch der Nachfolger lebte, wie er es gelernt hatte, solange bis er wiederum einen Erben wählte. Das einzige Ziel war das Überleben. Das einzige Ziel bestand darin, die Flamme weiterzusenden. Und die Flamme wurde Hunderte von Jahren hindurch von Nachtkrieger zu Nachtkrieger weitergegeben, und immer balancierten sie am Abgrund, der das Leben vom Tod scheidet.

Einzelne Male verschwanden Offiziere aus dem Yeganheer oder Zuträger der Krake Spur. Zehn oder zwanzig Jahre konnten jeweils dazwischenliegen, aber im Leben einer jeden

Krake verschwanden immer ein paar ihrer treuesten Männer.

Sie wurden zu Orten im Gebirge getragen, die niemand anderes kannte. Erwachten sie, sahen sie einen Menschenwolf vor sich hocken. Manchmal konnte dieser Menschenwolf dunkelhäutig, andere Male hellhäutig sein. Manchmal stammte er aus dem Gebirgsvolk, ab und zu von den Küstennomaden, ein anderes Mal aus dem Dschungel im Süden.

Die Diener der Krake würden nie etwas von der Reise erinnern, nur, dass plötzlich alles schwarz wurde. Aber erwachten sie, würden sie alle begreifen, wem sie in die Hände gefallen waren. Und wenn der Menschenwolf auf sie mit leeren Augen und einem rotglühenden

Messer in den Händen herabsah, wussten sie alle, dass sie nie zurückkehren werden.

"Erzähl alles, was du weisst," würde der Menschenwolf mit müder Stimme zu ihnen sagen.

So sammelte der Menschenwolf Wissen über die Krake. All dieses Wissen wurde, zusammen mit dem Geheimnis der Krake, dem nächsten Menschenwolf weitergegeben. Der Weltenherrscher war der Führer der Druiden. Ein heimlicher Tunnel erstreckte sich von der Stadt der Toten zum Rotharinwald. Aber dort gab es noch einen Tunnel, hinter einem Haufen von Stein, einen Tunnel, den nur der Menschenwolf kannte.

Die Legenden entstanden unter den Sklaven und Pachtbauern. Ein Gespenst hastete durch die Nacht, während es den Armen half, schadete es den Schwarzgekleideten und den Yeganern. Es gab etwas Unbekanntes, etwas, das nicht in das Weltbild der Krake passte. Die Männer des Herrschers konnten sich nicht länger sicher fühlen. Die Geschichten wanderten von Lagerfeuer zu Lagerfeuer und von Generation zu Generation. Das einzige, was die hilflosen Stämme trösten konnte, das einzige, was ihnen einen Hoffnungsschimmer gab, war ein ruheloses Gespenst. Der Nachtkrieger war geboren.